The way to the top

14.03. Die letzte Nacht war erstaunlich warm und der Fußboden eine bemerkenswert bequeme Unterlage, dafür dass wir wirklich rein gar nichts dabei hatten was uns etwas Luxus gespendet hätte. Wir haben unser Lager so nahe wie möglich am Feuer aufgeschlagen und wenn ich in der Nacht aufgewacht bin hab ich fleißig nachgeheizt. So dass ich am Morgen wenn ich aufwache leichtes spiel habe aus der Restglut die noch in der Feuerstelle brennt schnell wieder ein Feuer zu entfachen. Meine Schwester schläft noch tief und fest, ich mache mich erst mal auf einen kleinen Morgenspaziergang um unsere Wasserflaschen aufzufüllen. Als ich zurück komme bereite ich unser Frühstück am Lagerfeuer vor, es gibt gegrillte Tucs und zur Abwechslung mal Snickers und Schokolade. Nachdem wir unsere 7 Sachen zusammen gepackt haben geht’s gleich los, je eher wir ankommen, desto mehr Zeit haben wir zum entspannen. Der Weg geht wirklich schön vor sich hin. Also entweder haben wir mittlerweile den dreh raus oder wir haben mittlerweile eine Höhe erreicht in der selbst die Alpenbauern nur noch selten durch die Wälder ziehen. Das einzige was sich heute zieht ist der Weg der vor uns liegt. Wir kommen nicht mehr so schnell voran wie gestern, aber wie heist es so schön – „In der Ruhe liegt die Kraft“. Ist ja auch nicht unbedingt verwunderlich, dass wir heute nicht mehr so flink unterwegs sind wie die letzten Tage, unsere letzte richtige Mahlzeit ist mittlerweile über 26 Stunden her, dafür dass wir den ganzen gestrigen Tag gewandert sind und nicht wirklich viel gegessen haben sind wir eh in Topform. ☺ Nach dreieinhalb Stunden anstieg über Stock und Stein, vorbei an Kuhfladen und wunderschönen roten Rhododendronbüschen die gerade dabei sind ihre Blätter zu verlieren, kommen wir endlich an einen Punkt an dem wir uns wirklich orientieren können. Ein Wegweißer! Oh wie schön können die kleinen Dinge auf dieser Welt auch sein? Aber die Euphorie hält nur für einen kurzen Moment, nachdem wir gelesen haben was auf dem Wegweiser steht und die Ortschaften mit unserer Karte vergleichen haben, fällt uns auf, dass wir bereits ein ganzen Stück oberhalb von Odane Hill auf den Haupttreck gelangt sind. Von hier aus ist es streckentechnisch gesehen genauso weit bis zur nächsten eingezeichneten Hütte weiter den Berg hinauf als nach wie nach unten zu unserem eigentlichen Ziel. Nach kurzer Gedenkzeit mit einem mehr oder weniger schönen Ausblick über die Bergwälder ringsherum kommen wir zu dem Entschluss, dass es auf jeden Fall besser ist nach oben zu gehen, als die gleiche Strecke heute runter zu laufen, nur damit wir uns Tags drauf wieder nach oben schleppen dürfen. Also Zähne zusammenbeißen, Arschbacken zusammenkneifen, Handschuhe rausholen und rein ins Schneegestöber. Wir haben nicht mehr weit bis wir über der Schneefallgrenze sind, die ungefähr bei 2.700-3.000 Meter liegt. Das schöne an dem Schnee hier ist, dass wir einfach den Fußspuren (die nach meinen spurenleserischen Fähigkeiten ungefähr 3 Tage, 10 Minuten und 43 Sekunden alt sind) folgen können. Der Nachteil an der Sache, je weiter nach oben wir kommen umso kälter wird’s auch. Der Wind und der kleine Schneesturm machen die Wanderung auch nicht wirklich angenehmer und zu guter letzt sind wir seit unserem letzten Orientierungspunkt 3 Stunden weiter gewandert ohne auch nur ein Anzeichen auf eine Hütte. Vor uns liegt ein wirklich steiler Streckenabschnitt, bei einem falschen Tritt sinke ich bis zur Hälfte meines Unterschenkels durch die Schneedecke, es wird anstrengender, steiler und obendrein müssen wir anfangen den Schnee zu schmelzen um unsere Trinkwasserreserven aufrecht zu erhalten. Wirklich beschissene Lage. Geredet haben wir in den letzten zwei Stunden wenig, wir sind beide in einer Art Trance, Hauptsache weiter nach oben, bald muss die Hütte kommen. Wir sind mittlerweile auf knappen 3.200 Metern und der Sturm lässt nicht wirklich nach. Fast schon oben am Kamm des steil abfallenden Schneebedeckten Hügels den wir gerade erklimmen ist es dann so weit. Ich drehe mich um zu meiner Schwester. Panik und Erschöpfung stehen ihr ins Gesicht geschrieben. Hier ist Endstation und umdrehen ist die zweite Wahl. Wir zücken unser Telefon das nur noch 5 % Akku hat und versuchen den Rettungsdienst anzurufen. Aber leider vergebens, zum einen kennen wir die Nummer nicht und obendrein haben wir auch kein Netz. Kurz vor einem Nervenzusammenbruch beruhige ich sie und mache ihr klar dass es jetzt nur noch einen Weg gibt um hier raus zu kommen und der führt nach unten. Am besten so schnell wie möglich, damit wir wieder ins warme kommen. Ich gebe ihr meine dicken Snowboardhandschuhe und ziehe mir selbst ihre durchweichten dünnen Wollhandschuhe an. Kurz darauf schießt mir ein Schmerz durch die Finger der mir auf eine unschöne Art und Weise klar macht dass ich alle meiner Glieder behalten kann. Fast schon ein süßer Schmerz wenn man so will. Um 16:30 haben wir den schlimmsten Teil des Berges hinter uns gelassen, es ist wieder etwas wärmer, auch wenn es immer noch regnet aber hier im dichten Wald sind wir zumindest davor ganz gut geschützt. Wir erreichen einen Wegweiser der uns auf einen anderen Verbindungstreck der beiden Hauptstrecken hinweist, ein Weg, der wohl am schnellsten von allen zurück in die Zivilisation und zu was anständigem zu essen führt. Nach all bescheidenen Trampelpfaden die wir in den letzten beiden Tagen gegangen sind, ist der Weg hier anders als erwartet richtig gut zu erkennen. Wir kommen an eine große Lichtung und durchlaufen eine ziemlich schöne Waldlandschaft. Mit einem Blick auf die Uhr wird mir ein bisschen mulmig zumute, so wirklich Lange haben wir nicht mehr Zeit bevor es dunkel wird. 2 Möglichkeiten, entweder wir folgen dem Weg, der uns mittlerweile nach den ganzen Abzweigungen auch in die falsche Richtung führen kann oder wir machen’s auf die radikale Tour und laufen querfeldab nach unten, der Weg scheint eh in Serpentinen den Berg hinauf zu gehen, also müssten wir weiter unten auch wieder auf einen Weg treffen. Natürlich entscheiden wir uns für die zweite Variante. Gepuscht von einem Energieschub laufen wir den Berg hinab und versuchen dabei immer einen Weg im Auge zu haben. Als wir an einem ausgetrockneten Bachlauf vorbeikommen, entscheiden wir uns die großen Steine hinab zu steigen um gute 70 Höhenmeter auf einmal gut zu machen. Das manövrieren mit dem schweren Rucksack hats in sich, aber er hilft uns auch oft dabei das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Alles läuft nach Plan, wir fangen schon an darüber zu scherzen wie schön das Bett und das Essen heute Abend wird. Dann kommen wir auf einmal an eine etwas unschöne Stelle. Der Abhang wird wieder Steiler und bei dem dicht bewachsenen Wald kann ich nicht erkennen ob denn da vorne noch ein Weg langführt. Ich klettere vorsichtig hinab bis ich was sehen kann und befinde mich auf einem knapp 40cm breiten Pfad, auf der einen Seite ein 1,80 Meter hohes Hindernis aus Fels, Lehm und Wurzelgebilde der Bäume, auf der anderen Seite ein 50-80 Meter hoher Steilhang der eigentlich schon eher als Klippe bezeichnet werden kann. Ich merke wie mir das Blut und Adrenalin durch die Adern schießt. Der Weg auf dem ich gerade stehe scheint den Abhang hinunter zu führen, jedoch ist es keiner der sicheren Art. Ich werfe einen Blick in die Umgebung, so wies aussieht befinden wir uns in einem Kessel, eine Art Krater...Mir gehen die schlimmsten Szenarien für diesen Abstieg hier durch den Kopf, wenn ich alleine gewesen wäre, hätte ich es wahrscheinlich versucht. Wer weiß ob ich es geschafft hätte ohne mich zu verletzten oder nicht, wir werden es nie erfahren. Meine Schwester, zwar am Ende ihrer Kräfte aber noch nicht ganz am Limit bringt mich zur Einsicht, es ist die eine Sache seine eigene Gesundheit aufs Spiel zu setzten, aber ich möchte nicht dafür verantwortlich sein wenn ihr etwas passieren sollte.Nach unten geht’s nicht weiter, also zurück nach oben und darauf hoffen, dass wir wieder auf einen Weg stoßen. Als ich von meinem aktuellen Standpunkt die Lehmwand nach oben klettere, mache ich im inneren drei Kreuze, dass ich letztes Jahr mit dem Klettern angefangen habe! Die Wand ist brüchig und es gibt nicht wirklich viele Möglichkeiten an denen ich mich Hochziehen kann. Den Abgrund hinter uns gelassen und wieder in Sicherheit drehe ich mich zu meiner Schwester um und erkläre ihr in welch brenzliger Situation wir uns gerade befunden haben und ich heute keinen anderen Weg mehr gehen werde als den, den SIE für den richten hält. Schließlich kommen wir bald wieder auf einen befestigten etwas breiteren Wanderweg der aussieht als könnte er der Haupttreck sein. Die Frage ist nur ob wir links oder rechts entlang gehen. In beiden Fällen geht’s erst mal Bergauf. Wir entscheiden uns für den rechten. die richtige Entscheidung! Über Stock und Stein geht’s kurz darauf bergab, mittlerweile hat die Dämmerung eingesetzt, nicht mehr lange und es wird zu einer Nachtwanderung. Getrieben von einer unsichtbaren Energie und immer ein Auge auf den Weg ob es ein Anzeichen auf andere Wanderer (also Plastik und Müll) gibt joggen wir den Berg hinab. Gerade als es so Dunkel wird, dass wir Taschenlampen bräuchten um den Weg vor uns zu sehen, kommt die lang ersehnte Erlösung. Wir stehen am Waldesrand, vor uns in nicht weiter Entfernung eine Bauernhütte und nochmal 200 Meter weiter unten sind in der Dunkelheit die Lichter und Umrisse eines kleinen Dorfes zu erkennen. Geschafft! Wir haben es wirklich geschafft, wir sind zurück in der Zivilisation! Die Hütte, die Abseits vom Dorf liegt ist verlassen aber die Türe steht offen. Wir legen unsere Rucksäcke vor der Türe ab und schauen uns erst mal um. Wir finden Reis, eine Kochstelle, Betten und Tee. Mehr als genug für uns. Gerade als wir damit alles zusammen gesammelt haben um ein Feuer zu machen, werden wir von einer jungen Dorfbewohnerin gestört. Sie kann nicht wirklich gut Englisch, aber kurz darauf kommt auch ihr Bruder und erklärt uns, dass das Haus seinen Eltern gehören würde und wir zwar nicht hier bleiben können, er aber gerne unser Gastgeber für die heutige Nacht wäre. Überglücklich dass es noch gute Menschen auf dieser Welt gibt und völlig erschöpft hocken wir eine halbe Stunde später in frischen Klamotten (die genauso wie der Rucksack und alles was wir mit uns haben nach Lagerfeuer stinken) in ihrer Stube und beobachten bei einer Tasse warmen Milchtee seine Schwester dabei wie sie uns etwas zu essen kocht.Finally survived! Was für ein geile Gefühl!

15.4.17 08:26

Letzte Einträge: Die Farm des Franzosen, Die Farm des Franzosen, Good Bye Nepal, Auf nach Neuseeland!, Helloooo Kiwi, Rundtour auf der Nordinsel

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